Ab wann darf ich mein Baby hinsetzen?


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Die Räubertochter ist ein halbes Jahr alt und zieht sich an meinen Fingern hoch. Ist das ein Zeichen, dass sie sitzen will?

Wohl kaum, meint Physiotherapeutin Carola Stahr (55), selbst zweifache Mutter. Seit fast 30 Jahren ist sie Physiotherapeutin, hat eine eigene Praxis in Pankow und arbeitet viel mit Kindern (u.a. mit der Bobath-Methode). Im Interview erklärt sie, worauf man als Eltern sonst noch achten sollte…

Ab wann darf ich mein Baby denn hinsetzen?

Am besten gar nicht! Babys sollten sich selbstständig aufsetzen können, andernfalls – wenn man es also zu früh hinsetzt und es förmlich zusammensackt – könnte die Wirbelsäule geschädigt werden. Die Rückenmuskulatur bei so kleinen Kindern muss zunächst gestärkt werden, damit sie später in der Lage ist, die Wirbelsäule in aufrechter Position zu halten und das geschieht am Besten durch sämtliche Aktivitäten in der Bauchlage. Sonst werden die kleinen Gelenke an der Wirbelsäule einem starken Druck ausgesetzt, der zu einem längerfristigen Schaden führen kann, etwa einer Skoliose oder einem Rundrücken. Unterstützen kann man den Muskelaufbau, indem man das Neugeborene auf den Bauch legt und dann mit ihm spielt, das Ganze also positiv besetzt.

Aber wenn’s ans Essen geht muss das Kind doch sitzen, oder?!

Ja, das Zufüttern ist die einzige Ausnahme. Hier setzt man das Kind für kurze Zeit aufrecht hin, hat es vielleicht auf dem Schoß. Denn im Liegen können auch Babys nicht essen. Meist beginnt man mit dem Zufüttern, wenn das Baby etwa ein halbes Jahr alt ist. Viele machen da schon erste Versuche, selbst zu sitzen. Das kommt von ganz allein, da sollte man nicht nachhelfen. Deutlichstes Zeichen: Das Kind nutzt seine Hände, um sich abzustützen. Es braucht diese Sicherheit, dann wird es sich aufsetzen, hochziehen, loskrabbeln.

Was halten Sie von einer Hopse, die man z.B. in Türrahmen befestigt?

Schwierig. Kinder müssen lernen, ihr komplettes Gewicht zu halten und zu balancieren. Durch Hopsen – aber auch durch Lauflernwagen, in die man Babys reinsetzt – wird das Gewicht des Oberkörpers weggenommen, die Kinder tippeln nur mit den Füßen. Werden derartige Gerätschaften zu oft eingesetzt, kann sich die natürliche Entwicklung, also das Laufenlernen, verzögern oder sich die Sehnen an der Ferse verkürzen.

Was ist mit den Lauflernwagen, die die Kinder vor sich herschieben?

Die sind super! Sie müssen dabei ihr Gewicht selbst tragen, die Hände kommen zum Einsatz – perfekt. Auch Puppenwagen eignen sich hervorragend.

Ist das nicht bedenklich, weil die Kinder so nicht das richtige Fallen lernen?

Nicht unbedingt. Kinder laufen normalerweise erst, wenn sie auch fallen können. Das fängt ja mit dem Sitzen an, wenn das Kind seine Hände nach vorne nimmt, um sich abzustützen. Und es geht weiter beim Hochziehen, vielleicht auf Sofahöhe, wo die Hände zwingend dazu gehören. Rutscht das Kind hier weg, fängt es sich meist mit den flachen Händen auf oder versucht es wenigstens. So lernt es das Balancieren. Schließlich wird es lernen, aufrecht zu stehen und auch zu fallen. Es weiß ja, dass die Hände hierbei hilfreich sind.

Und Bobby Cars. Gut oder schlecht für die motorische Entwicklung?

Na, selbstverständlich toll. Durch den tiefen Schwerpunkt stehen die Autos fest, laden zum Klettern ein, trainieren den Gleichgewichtssinn, weil sie wegrollen. Da denkt sich das Baby: „Aha, sowas gibt’s also auch!? Dinge bleiben nicht an Ort und Stelle…“ Am Bobby Car können Babys das Hochziehen üben. Es darf also ruhig benutzt werden, bevor die Kinder laufen gelernt haben.

Und Laufräder, was ist mit denen?

Auch ganz prima. Eine perfekte Erfindung, die ich gern selbst gemacht hätte. Kinder lernen nicht nur etwas über Beschleunigung, sondern trainieren auch ihren Gleichgewichtssinn. Früher, als es noch keine Laufräder gab, habe ich Eltern oft gebeten, zunächst die Pedale von den Kinderfahrrädern abzumontieren. Das hat gut funktioniert. Und diese Kinder brauchten später auch keine Stützräder.

Viele Eltern unterstützen ihre Kleinkinder bei den ersten Laufversuchen, führen sie oft an beiden Händen durch die Gegend. Ist das okay?

Na ja, für den Rücken der Eltern ist das ganz sicher nicht schön. Und für die Kinder ist es nicht zielführend, weil die Hände da oben in der Luft hängen. Hinzu kommt, dass das für die Schultergelenke der Kleinen eine ordentliche Strapaze ist. Die Hände sollten daher maximal in Schulterhöhe sein, damit das Kind fallen und sich auffangen kann. Besser ist es also, einen Stuhl oder Hocker mit Filzgleitern zu versehen, so dass das Kind ihn durch die Gegend schieben kann.

Apropos Schultergelenk: Man hört immer wieder, dass Eltern ihren Kindern die Gelenke auskugeln, weil sie mit ihnen „Engelchen flieg“ spielen. Ab welchem Alter ist das denn in Ordnung?

Sobald Kinder ihr eigenes Gewicht halten können. Das sieht man etwa beim Klettern auf dem Spielplatz oder wenn es sich baumeln lässt. Klappt das gut, spricht nichts gegen das Fliegenlassen zwischen Mama und Papa.

Was ist das Beste, was Eltern für ihr Kind tun können?

Einfach sein lassen! Eltern sollten ermöglichen, nicht forcieren. Kinder sind kleine Wissenschaftler, die alles erforschen und untersuchen wollen – das sollte man als Eltern fördern, sich dabei aber immer am Kind und nicht an den eigenen Erwartungen orientieren. Schauen Sie ins Gesicht Ihres Kindes, wie stolz es auf das Geschaffte ist! Das sieht man auch schon beim ersten Hinsetzen, wenn es das ganz allein hinbekommen hat und sich über die neue Perspektive freut.

P.S. Die Puppe, die Ihr im Beitragsbild seht ist Ronja*, eine von den „Living Puppets“. Man kann von hinten in ihre Hände greifen und auch den Mund bewegen, so dass die Puppe fast lebensecht wirkt. Zumindest für kleine Kinder. Darum verwendet Carola Stahr solch eine Puppe auch als Therapiehilfe, um sich beispielsweise sehr schüchternen Kindern nähern zu können.

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